Stoßwellentherapie

Die extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT) gilt seit gut 25 Jahren als Standardverfahren in der Urologie zur Zertrümmerung von Nierensteinen und wurde schließlich auch in der Orthopädie zur Behandlung am Bewegungsapparat verwendet.

In der Veterinärmedizin erfreut sich diese nicht invasive Behandlungsform zunehmender Beliebtheit und bietet einen großen Vorteil gegenüber anderen Therapieformen. Es bestehen so gut wie keine Nebenwirkungen. In seltenen Fällen kann eine kurzfristig verstärkte Schmerzempfindlichkeit am Tag nach der Therapie auftreten.

Es werden vor allem Insertionsdesmopathien des M. interosseus medius (Fesselträgerursprung), Läsionen der oberflächlichen und tiefen Beugesehnen und des M. interosseus medius (Fesselträgerschenkel), des Lig. accessorium der tiefen Beugesehne und osteoporotische Veränderungen der Gleichbeine behandelt.

Bewiesen werden konnte bisher außerdem, dass die ESWT (extrakorporale Stoßwellentherapie) einen positiven Effekt auf die Knochenheilung hat und daher erfolgreich in der Therapie schlecht heilender Frakturen eingesetzt werden kann.

Was sind Stoßwellen?

Bei Stoßwellen handelt es sich um akustische Wellen. Der Donner eines Gewitters oder der Knall, wenn ein Flugzeug die Schallmauer durchbricht, erzeugt Stoßwellen. Die Energie der erzeugten Stoßwellen kann über weite Strecken transportiert werden – dies führt beispielsweise zum Klirren von Gläsern weit entfernt vom Überschallknall.

Akustische Wellen können sich in Medien wie Wasser, Weichteilgewebe, Körperflüssigkeiten und Knochen ausbreiten und werden daher auch als Druckwellen bezeichnet. Aber erst wenn diese Druckwellen bestimmte physikalische Eigenschaften aufweisen, spricht man von Stoßwellen im eigentlichen Sinne.

Stoßwellen sind also sehr druckstarke akustische Wellen, die sich durch eine kurze hohe Amplitude (10 µs) mit steilem Druckanstieg (bis über 100 bar) auszeichnen und schnell ausbreiten. Die Ausbreitung im Körper ist abhängig von der Dichte des Gewebes. Am Übergang zwischen einem Gewebe mit hoher Dichte (wie z. B. Knochen, Verkalkungen) und einem Gewebe mit niedriger Dichte (z. B. Muskeln, Fett) wird Energie aus den Stoßwellen freigesetzt.

Wie erzeugt man Stoßwellen für medizinische Zwecke?

Zur Erzeugung von extrakorporalen Stoßwellen im orthopädischen Anwendungsbereich gibt es verschiedene Verfahren. Diese werden in elektrohydraulische, elektromagnetische, piezoelektrische und ballistische Verfahren unterschieden.

Bei dem ballistischen Erzeugungsprinzip beschleunigt komprimierte Luft ein Projektil, vergleichbar mit einer Pistolenkugel, auf maximale Geschwindigkeit. Das Projektil trifft am Ende des Handstücks auf einen Applikator, über den der Energieimpuls in das Gewebe fortgeleitet wird.

Was bewirken Stoßwellen im Gewebe?

Unterschiedliche Gewebe mit verschiedenen Eigenschaften bzw. Widerständen führen zu einer Beeinflussung der Stoßwelle im Sinne einer Verlagerung, Defokussierung und Abschwächung.

Direkte Wirkung

An den Grenzflächen zweier Medien (Impedanzsprung) kommt es zur Umwandlung von akustischer in mechanische, thermische und chemische Energie. Während thermische und chemische Effekte eine untergeordnete Rolle spielen, hat die mechanische Energie eine Wirkung, die man zur Nierensteinzertrümmerung oder zur orthopädischen Behandlung verwendet.

Die Induktion von Kavitation als indirekter Wirkungsmechanismus spielt in der extrakorporalen Stoßwellentherapie eine weitere wichtige Rolle . Kavitation ist das Auftreten gasgefüllter Hohlräume in einem flüssigen Medium unter Einfluss negativer Druckgradienten. Durch den negativen Zugwellenanteil der Stosswelle kommt es zur Absenkung des Druckes mit Aufreißen der Verbindung zwischen den Wassermolekülen und der Entstehung von Wasserdampf. Dieser sammelt sich kurzfristig in gasgefüllten Hohlräumen, sogenannten Kavitationsblasen. Diese können 0,3-2 mm groß werden. Kommt es zum Abklingen der Zugphase und Normalisierung der Druckverhältnisse kollabieren die Blasen. Es kommt u einem sogenannten „Jet-stream“ und infolge dessen zu lokalen zerstörenden Effekten.

Durch diese Energiefreisetzung im Körper werden positive Effekte bewirkt:

  • bessere Durchblutung des erkrankten Gewebes
  • durch Veränderung der Membrandurchlässigkeit werden Stoffwechselprozesse angeregt
  • Auflockerung von Verkalkungen und dadurch bessere Resorption durch den Körper
  • Lösen von Verklebungen in Sehnenfasern und bessere Ausrichtung neu gebildeter Fasern
  • Aktivierung der Zellteilung und dadurch bessere Regeneration des Gewebes

Schmerzreduzierung

Der Vorteil der fokussierten Stoßwellentechnologie ist, dass die Eindringtiefe der Stoßwellen genau eingestellt werden kann. Dadurch wirkt deren Energie gezielt auf den zu behandelnden Gewebebereich.

Wie wird die Stoßwellentherapie durchgeführt?

Die Stoßwellentherapie kann ambulant am stehenden Pferd durchgeführt werden.

Das Stoßwellengerät erzeugt ein relativ lautes Geräusch und ist schmerzhaft, so dass einige Pferde zuvor eine Sedierung benötigen.

Anschließend wird das zu behandelnde Gebiet geschoren bzw. rasiert und Ultraschallgel aufgetragen, um eine optimale Ankopplung zu erhalten.

Bei der eigentlichen Behandlung wird eine bestimmte Anzahl von Stoßwellen verabreicht, wobei die Eindringtiefe ins Gewebe von der Energiestufe abhängt, die individuell eingestellt werden kann.

Durchschnittlich dauert eine Behandlung inklusive Vorbereitung und Sedierung ungefähr 15 min.

Bei den meisten Erkrankungen ist eine mehrmalige Behandlung im Abstand von 1 bis 3 Wochen notwendig. Die genaue Anzahl von Anwendungen ist abhängig vom Heilungsverlauf, welcher mittels Ultraschall- oder Röntgenuntersuchung kontrolliert wird.

In den folgenden Tagen nach der Behandlung ist eine Boxenruhe meist nicht erforderlich. In der Regel kann das Pferd kontrolliert – entsprechend des Aufbauplans – bewegt werden (abhängig von der vorliegenden Erkrankung).